Pressekonferenz vom 10. September 2018 im Sotiris

[Hier der Text der Ansprache von Katharina Gerhardt bei der Pressekonferenz am 10. September 2018 um 11.00 Uhr im Sotiris]

Guten Tag meine Damen und Herren, herzlich willkommen zur heutigen Pressekonferenz der Marinieranstalt Ottensen – Leben und Arbeiten in delikater Lage.

Wer sind wir?

Ich begrüße Sie im Namen des Begleitausschusses des Bauprojekts Barner 42, Marinieranstalt Ottensen – Leben und Arbeiten in delikater Lage. Mein Name ist Katharina Gerhardt, ich wohne hier in der direkten Nachbarschaft und bin eine der ausgelosten Sachpreisrichterinnern des geplanten Bauprojekts.

Neben mir sitzt Wiebke Jansen, ebenfalls Sachpreisrichterin und Mieterin hier auf dem Gelände in der Villa Dunkelbunt.

Was wollen wir?

Überall in Ottensen lärmen die Bagger, an jeder Ecke wird ein Haus abgerissen. Man kann gar nicht so schnell gucken, wie hier im Viertel wieder ein neuer In-Laden aufmacht. Latte Macchiato gibt es in mindestens 23 Varianten, hochpreisige Klamottenläden schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Gentrifizierung schreitet voran.

In den letzten Jahren mussten in Ottensen immer wieder traditionsreiche Häusergruppen und ganze Wohnblöcke den Plänen von Großinvestoren weichen. An ihrer Stelle entstanden allzu oft sterile Neubauten, die nichts mehr mit Ottensens Tradition eines vielfältigen, kulturell bunten, sozial durchmischten und migrantisch geprägten ehemaligen Arbeiterstadtteils zu tun haben. Seit der kantige braune Klotz Zeise 2 trotz eines Bürgerbegehrens mit 29.000 Unterschriften unserem Viertel einen Riesenschwung Werber beschert hat, sieht man noch mehr feines Tuch, handgenähte Schuhe, Edelkarossen und Sushi to go in den Supermärkten.

Aber kreative Leute leben und arbeiten eben schon viel länger hier als die Damen und Herren von Scholz & Friends. In Ottensen wohnen zahlreiche Autorinnen, Kulturschaffende, Übersetzerinnen, Schauspielerinnen und Filmemacher. Hier sind Migrantinnen der ersten, zweiten und dritten Generation und viele Familien mit Kindern zu Hause. Auch allerhand alleinerziehende Mütter. Kulturinteressierte und politisch aktive Leute, solche, die ihr Viertel mögen und die meist einen eher schmalen Geldbeutel haben.

Und jetzt soll es einer ganz besonders charmanten Ecke Ottensens an den Kragen gehen, die eine Ottenser Institution beherbergt: In diesem charakteristischen gelben Eckgebäude aus dem 19. Jahrhundert, der ehemaligen Marinieranstalt und Fischräucherei Heinrich Gerlach, befindet sich seit über dreißig Jahren das Lokal Sotiris, eine gastronomische Institution.

Das Sotiris war Vorbild für Fatih Akins Restaurant in seinem wildromantischen Film Soul Kitchen. Das Sotiris ist Zatziki und Retsina, gegrillter Oktopus und Souvlaki, die man entspannt im lauschigen Hinterhof genießen kann – ein gelebtes Stück Mittelmeer in der Barnerstraße. Auch die Pizzeria Mamma Mia ein Haus weiter ist seit Jahren für viele Ottenser Familien und Kinder schlicht und einfach ihre Pizzeria, lecker, bezahlbar und nicht schicki-micki.

Zwischen dem Mamma Mia und dem Sotiris hat sich in den letzten Jahren zudem eine kleine feine multikulturelle und offene Oase gebildet: Die Villa Dunkelbunt, ein gemeinschaftlich orientiertes Wohn- und Kulturprojekt, das ein niedrigschwelliges Kulturangebot fürs Viertel bietet, ein Musikstudio und eine Werkstatt mit Atelierflächen beherbergt. Neben Musikunterricht, Chortreffen und Nachbarschaftshilfe finden dort in regelmäßigen Abständen Performances, Ausstellungen, Filmabende und Konzerte statt.

Außerdem gibt es auf dem Gelände Wohnungen, einen Lagerraum, einen Imbiss, eine Shisha-Bar und eine Änderungsschneiderei.

Das gesamte Areal wurde im letzten Jahr vom Hamburger Investor Köhler & von Bargen gekauft. Köhler & von Bargen will alle bestehenden Gebäude abreißen lassen und das Gelände neu bebauen.

Da der Investor weiß, wie prominent und identitätsstiftend die Ecke Barner 42 für Ottensen ist, hat er ein Bürgerbeteiligungsverfahren initiiert. Unter Vermittlung der Beraterfirma konsalt GmbH gab es dazu am 20. März 2018 eine Informationsveranstaltung mit Köhler & von Bargen und konsalt, zu der rund 250 Teilnehmer erschienen.

Am 16. April 2018 fand ebenfalls mit Köhler & von Bargen und konsalt, ein offener vierstündiger Workshop statt, dessen Ziel es war, Vorstellungen und Wünsche der Teilnehmerinnen in Bezug auf das Areal Barner42 zu erfahren und festzuhalten. Bei dieser Gelegenheit wurden je drei Vertreterinnen der An- und der Bewohnerinnen als Verfahrensbegleiter bestimmt.

Aus dieser sehr kurzen Phase echter Bürgerbeteiligung  ist unsere Gruppe von Verfahrensbegleiterinnen hervorgegangen. Wir haben uns als Begleitausschuss für das weitere Verfahren konstituiert und nennen uns Marinieranstalt Ottensen – Leben und Arbeiten in delikater Lage. Wir vertreten die Einzel-, Gewerbe und Gemeinschaftsmieter sowie die interessierte Nachbarschaft bzw. Öffentlichkeit. Unser Ziel ist es, ein weiteres Negativbeispiel städtebaulicher Fehlplanung in Ottensen zu verhindern. Denn die ehemaligen Esso-Häuser, das jetzige Paloma-Viertel, zeigen ja, dass es auch anders gehen kann.

Wir heißen Marinieranstalt, weil wir etwas bewahren wollen, nämlich mit den Bewohnern und den Gewerbetreibenden den Geist, die Offenheit und den Spirit dieser Ecke Ottensens. Wir wollen die Gegend weiterhin würzen mit kreativen Leuten, die gute Ideen haben.

Uns ist natürlich klar, wie die Eigentumsverhältnisse sind. Wir sind nicht naiv. Köhler & von Bargen gehört das Gelände, sie haben dafür eine Stange Geld gezahlt und wollen damit nun wieder welches verdienen. Das ist legitim.

Trotzdem fragen wir uns und vor allem auch das Bezirksamt Altona, ob Profit an dieser Stelle das einzige Kriterium sein sollte. Oder ob es nicht auch um Stadtentwicklung geht. Zeise 2 hat Ottensen nur einen riesigen, nicht einsehbaren, abweisenden Klotz beschert, der inzwischen für viel Geld vom Investor Procom/Quantum/WPP an den Versicherungskonzern Axa weiterverkauft worden ist. Ursprünglich waren Wohnungen auf dem Areal von Zeise 2 versprochen worden, es wurde aber keine gebaut.

Auch deshalb fordern wir:

Den Erhalt der sozialen Struktur in einem Neubau!

Bei den Mietwohnungen für Einzelpersonen und Gemeinschaften soll der Anteil von Eigentumswohnungen auf ein Minimum reduziert werden.

Wir fordern mindestens 60 Prozent sozial geförderten Wohnungsbau und 20 Prozent Mietwohnungen zu erschwinglichen Preisen; wir fordern die Bindung beim geförderten Wohnungsbau von mindestens 30 Jahren (wie bei den Esso-Häusern).

Wir fordern ein unbedingtes Rückkehrrecht der jetzigen Einzel-, Kollektiv- und Gewerbemieterinnen, zu den gleichen Konditionen wie bisher.

Während der Bauzeit muss eine gemeinsame Übergangslösung geschaffen werden für die Mieterinnen, die zurückkehren möchten; diese Übergangslösung sollte – wie bei den Esso-Häusern – auf dem Sozialplanverfahren für Sanierungs- und Stadterneuerungsgebiete in Hamburg basieren.

Die Werkstatt- /Atelierflächen sollten so lange wie möglich genutzt werden können.

Wir haben inzwischen alle politischen Parteien außer der AfD angeschrieben und suchen das Gespräch mit den politisch Verantwortlichen in Bezug auf ihre Gestaltungsmöglichkeiten im allgemeinen Interesse des Stadtteils. Mit den Grünen und der CDU sind bereits Termine vereinbart, auf Antwort von SPD, FDP und Linken warten wir noch.

Wir sind auch weiterhin in Gesprächen mit dem Investor.

Was wurde bisher erreicht?

Inzwischen gab es einen Architektenwettbewerb. In die Vorgaben für die Architekten sind die Anregungen aus dem Workshop mit eingeflossen. Das begrüßen wir.

Es gab Treffen der Marinieranstalt Ottensen mit dem Investor und konsalt am 6., 14. Juni und 19. Juni, in denen wir uns ausgetauscht und unser Selbstverständnis an die konsalt GmbH, Köhler & von Bargen übermittelt haben.

Zudem haben wir unsere Forderungen im Planungsausschuss des Bezirksamts Altona vorgetragen.

Folgende unserer Anliegen sind bereits in die Auslobung mit eingeflossen:

  • strukturiertes, kleinteiliges Gebäude;
  • Niedriggeschossige Gebäude (maximal 2 Stockwerke) in der Rückseite des Hinterhofs;
  • kleinteiliges Gewerbe im Erdgeschoss des Hauptgebäudes;
  • Wohnungen ab dem erstem Stockwerk im Hauptgebäude vorne und den Nebengebäuden im Hinterhof;
  • Vergrößerter, lebendiger und öffentlich zugänglicher Innenhof;
  • teils öffentlich zugängliches, ganzflächig begrüntes und unterschiedliches genutztes Flachdach (ohne Staffel)

Was noch nicht erreicht ist, was wir aber für notwendig halten:

Alle vorhin erwähnten Anliegen und Forderungen zum Erhalt der sozialen Struktur wurden bisher nicht vom Investor berücksichtigt, obschon diese von zentraler Bedeutung sind.

Außerdem:

  • Die Höhe des neuen Hauptgebäudes an der Straßenfront sollte an die derzeitige Höhe der umliegenden Gebäude angepasst und entsprechend abgestuft sein; ein 3. Stockwerk im Hinterhof kann sinnvoll sein, wenn das ermöglicht, die Höhe des vorderen Gebäudes zu begrenzen;
  • Das Gebäude soll Werkstätten, Proberäume, Ateliers, Räume für Zusammenkunft und Austausch beherbergen; die nutzbare Gemeinschaftsfläche sollte mindestens 100 qm betragen; der Rohbau sollte eine flexible Gestaltung ermöglichen, schallisoliert sein und über einen Wasseranschluss und Sanitäranlagen verfügen;
  • Es ist bei den Wettbewerbsentwürfen zu überprüfen, ob die bauliche Gestaltung Ottensens Tradition als vielfältiger, sozial durchmischter und migrantisch geprägter ehemaliger Arbeiterstadtteil widerspiegelt.

Wir wollen eine Entschärfung der Verkehrsproblematik an der Ecke Barner/Bahrenfelder Straße

  • Verzicht auf Tiefgarage im neuen Gebäude: das Untergeschoss soll für Proberäume, Abstellräume oder kollektive Arbeitsräume genutzt werden und sollte über einen Wasseranschluss und Sanitäranlagen verfügen;
  • Das neue Gebäudeensemble sollte keinen zusätzlichen Verkehr anziehen, Stichwort Verkehrsberuhigung;
  • Es braucht einen breiteren Gehweg und Fahrradweg sowohl in der Barner- als auch in der Bahrenfelderstraße, in der jetzigen Situation behindern Fußgänger und Fahrradfahrer einander an dieser belebten Kreuzung ganz massiv.

Wie geht es weiter?

Am Donnerstag, den 13.9.18 von 18-20 Uhr besteht die Möglichkeit für die interessierte Öffentlichkeit in den Gemeinderäumen der Paul-Gerhardt-Kirche, Bei der Paul-Gerhardt-Kirche 4 die Entwürfe der Architekturbüros anzusehen und zu kommentieren.

Zu dieser Veranstaltung können alle Interessenten kommen, die in der Jury am darauffolgenden Tag keine Preisrichterfunktion innehaben.

Das hat den Hintergrund, dass die Richtlinie für Planungswettbewerbe vorschreibt, dass alle an der Jurysitzung teilnehmenden Personen zu Beginn versichern müssen, von den Arbeiten bis zum Beginn der Jurysitzung keine Kenntnis zu haben.

Am 14.9.18 findet die Jurysitzung statt, die über die Wettbewerbsentwürfe entscheidet.

Mehr Informationen zum Beteiligungsverfahren finden Sie unter barner42.de im Internet. Dort gibt es auch ein Stichwort „Verfahrensbegleitung“, unter dem Sie unser Selbstverständnis und unsere Forderungen finden.

Die Marinieranstalt Ottensen gibt es auch im Internet:
marinieranstalt-ottensen.de

Schlusswort:

Für mich bedeutet Großstadt: Vielfalt, Toleranz, das Miteinander ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe. Eine Großstadt, gerade ein so wohlhabende wie Hamburg, soll nicht nur ein Ort für Werber, Notare und Kiefernorthopäden sein.

Ich möchte, dass hier weiterhin eine bunte Vielfalt an Leuten in intelligent gestalteter Architektur leben und arbeiten kann. Ich habe Scholz & Friends ungefragt als neue Nachbarn bekommen. Aber meine alten Nachbarn sollen trotzdem hier bleiben dürfen.